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Krystian Woznicki 1 Jan 2003 1

Identity-Loop

oder: Warum schwingst Du einen Hullahoop-Reifen um Deinen Hals?

Antwort: Nezaket Ekici, Kuenstlerin

Ich beschaeftige mich seit vier Jahren intensiv mit der Performancekunst.
Waehrend meines Doppelstudiums 1996 zum Magister Kunstpaedagogik und zum
Diplom Freie Kunst an der Kunstakademie Muenchen habe ich mich vor allem
mit skulpturalen Koerperformen beschaeftigt.

Erst durch das Studium an der Hochschule fuer Bildende Kuenste Braunschweig
in der Klasse von Frau Prof. Marina Abramovic 1

1www.artcyclopedia.com/artists/abramovic_marina.html

konzentriere ich mich
vollstaendig auf meinen Koerper als kuenstlerisches Ausdrucksmittel. Ueber
Marina Abramovic habe ich gelernt, dass Performancekunst eine hervorragende
Moeglichkeit ist, Bewegung symbolisch zu inszenieren. Schon sehr frueh war
es mein Ziel, Bewegung darzustellen und ich habe mich seither durch
verschiedene Medien des kuenstlerischen Ausdrucks hindurchentwickelt, um in
der Performancekunst die bislang beste Moeglichkeit zu finden, Bewegung und
damit das koerperliche und geistige Leben in seiner Lebendigkeit symbolisch
vereinfacht darzustellen.

In der Hullahoop-Performance, Hullabelly, sieht mich der Betrachter
als traditionell-religioes gekleidete tuerkische Frau, mit Kopftuch, Rock
und Hose, sowie mit einem Hullahoopreifen. Dabei bewege ich ausschliesslich
meinen Kopf mit dem Hullahoopreifen zu einer modernen, orientalisch-
tuerkischen Bauchtanzmusik. Dieselbe Handlung wird im Loop drei Stunden
lang wiederholt. Zu der Hullabelly-Performance entstand eine Videoarbeit
mit dem Titel Hullabelly for Turkish Women (2003), in der zwoelf
tuerkische Frauen verschiedenen Alters versuchen, sich zur Musik mit dem
Hullahoopreifen zu bewegen. Diese Arbeit ist als Videoinstallation mit drei
parallelen Projektionen zu sehen, die sich alle 15 Minuten wiederholen.

Die Hullabelly-Performance entstand vor dem Hintergrund meiner Herkunft.
Da ich in zwei Kulturkreisen, dem tuerkischen und dem deutschen,
aufgewachsen bin, hatte ich das Glueck, aber auch die Aufgabe, zwei sehr
unterschiedliche Kulturen, die westliche und die orientalische, miteinander
zu verbinden.

Es gibt strenge tuerkische Rituale und islamische Traditionen einerseits,
die durch die Kleidung und Musik symbolisiert werden und das
saekularisierte und freiheitliche Leben andererseits, das durch den
Hullahoopreifen und den Bauchtanz repaesentiert wird. Somit ist
die Hullabelly-Performance ein Versuch, den Spagat der Vereinbarung
zwischen beiden Kulturkreisen darzustellen. Kulturelle Aspekte sind eine
Sache, die andere Sache ist die Performance selbst. Mich interessiert der
Koerper als Ausdrucksmittel und insbesondere die Reduktion auf ein
Koerperteil: den Kopf. Was fuer den Betrachter auf den ersten Blick, durch
die Verbindung des Kopftuchs mit dem Drehen des Reifens am Kopf, wie ein
Strangulieren aussieht und somit wie eine Erniedrigung der tuerkischen Frau
wirkt, ist eine verkuerzte Betrachtung.

Darueber hinaus ist diese Performance eine Ausbuchstabierung
der 'Ueberanstrengung'. Waehrend des permanenten Drehens aendert sich die
Gesichtsmimik vom entspannten Gesichtsausdruck bis zur totalen
Ueberanstrengung stetig. Der Betrachter kann sich derweil auf den Reifen
oder die sich staendig veraendernde Mimik konzentrieren und frei assoziieren.

In meinen kuenstlerischen Arbeiten versuche ich stets Alltagssituationen
kuenstlerisch aufzuarbeiten. Ebenso bewegen mich allgemeine Themen wie
Zeit, Bewegung, Beziehungen sowie soziale und kulturelle Aspekte. In
einigen meiner letzten Arbeiten Catch a Turkish Kiss (2001), Hullabelly
(2002), Hullabelly for Turkish Women (2003) und Turkish Island (2003)
beschaeftige ich mich mit meiner kulturellen Identitaet.

In diesen Werken spiegeln sich die Widersprueche wider, die ich selbst
erlebt habe und immer noch erlebe. In der Performance Turkish Island, in
der drei Generationen tuerkischer Familien mit dem Museumspublikum
konfrontiert werden, gehe ich der Integrationsfrage von Tuerken in die
deutsche Gesellschaft nach. In Catch a Turkish Kiss wird der Betrachter
damit konfrontiert, wie ich mich einerseits in Abendkleidung auf einer
Chaiselongue dem Publikum darbiete und auf einen Kuss warte. Andererseits
wehre ich mich aber gegen den Kuss, sollte sich einer der Gaeste animieren
lassen. In Hullabelly sowie Hullabelly for Turkish Women geht es um die
Verbindung islamischer Tradition mit den westlichen Freiheitsgedanken. Die
beiden Arbeiten haben somit ein grossen Stellenwert in meinen zukuenftigen
kuenstlerischen Arbeiten, wo mehr und mehr die kulturelle Identitaet der
Gespaltenheit der zwei Kulturen, zum Hauptthema des kuenstlerischen
Ausdrucksmittel wird.

www.ekici-art.de

nekici@yahoo.de

Dieser Artikel wurde zum ersten Mal veroeffentlicht in der Berliner Gazette www.berlinergazette.de
(kw@berlinergazette.de)

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